Das andere entsteht im Kopf

August 29, 2016

 

Bad Homburg. 

Er ist unrasiert. Sein Gesichtsausdruck zeugt von ruhigen Träumen, sein Arm scheint nach jemandem zu spüren, der gerade noch da lag. Doch diese Person hat das Bett verlassen – ob das gut ist oder eine Tragödie, bleibt dem Betrachter überlassen. Am liebsten würde man sich dazulegen, doch das ist natürlich verboten bei dem Werk, das die Apsis der Englischen Kirche ausfüllt.

Diverse ebenso lebensechte Arbeiten von Sean Henry (50) waren bei den jüngsten „Blickachsen“ im Kurpark zu sehen; seit einigen Wochen schreitet die von der Stadt angekaufte „Walking Woman“ vom Bahnhof in Richtung Innenstadt (siehe „NACHGEFRAGT“). Jetzt hat Galerist Christian Scheffel mit dem britischen Bildhauer für die Stadt eine Doppelausstellung konzipiert, die an zwei Orten Henrys Arbeiten zeigt.

Der Schlafende hat Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Sebastian Koch – absichtlich. „Ich fand den Film ,Das Leben der Anderen‘ faszinierend“, erklärt der Künstler. Koch spielt darin den Bespitzelten – einen Sympathieträger. Dass der Mann im Bett so gemütlich wirkt und das weiße Laken einladend, ist im Sinne des Erfinders. „Es zieht dich in das Kunstwerk“, so Henry. In Teilen schaffte er die große Arbeit nach Bad Homburg und setzte sie hier wieder zusammen. Wie kann der Werkstitel „The Other Self“ interpretiert werden? Symbiose mit der entfleuchten Bettgenossin? Henry deutet auf die anderen Figuren im Kirchenraum, in dem eine Gigantin in knappen Shorts aufragt. „Vielleicht träumt er – hoffentlich auch von ihr.“

„Woman (being looked at)“ lautet der treffende Titel dieser 2,60 Meter großen Arbeit – selbst die „Walking Woman“ (2,20 Meter) und OB Alexander Hetjes (knapp 2 Meter) müssen zu ihr aufschauen. Die typische Delle am Kreuzbein überm Hosenbund lässt sie trotzdem lebendig erscheinen.

Größe ist doch wichtig in einer Schau, die gegenständlich dargestellte Menschenfiguren um ein Drittel größer – oder kleiner – zeigt. „Das gibt Raum, sich mit ihnen zu identifizieren“, erklärt der Bildhauer. Er selbst ist 1,80 Meter groß – aus diesem Blickwinkel sind seine Werke konzipiert. Frauen zeigt er gern größer – „weil die, die ich abbilde, meist selbstbewusst wirken“, erklärt er.

Viel öfter aber stehen ihm Männer Modell – neben diesen Arbeiten fühlt man sich ein bisschen wie Gulliver. So könne man sich gut in sie hineinfühlen, meint Henry. Etwa in den Liegenden, der Anzug, aber keine Schuhe trägt, oder einen Einsamen mit Grüblermiene. Auch ein Gang hinüber in Scheffels Galerie lohnt sich – schon wegen des Kinder-Trios am Tisch, das Henrys eigenen Nachwuchs darstellt. Die Blickbeziehung unter ihnen knistert.

Und Sebastian Koch – kennt der sein Alter Ego? „Keine Ahnung“, so der Künstler, und bescheiden: „Ich weiß nicht, ob er es mögen würde.“

 

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